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Historie

Man schrieb den 22. Juli 1310. In Frankfurt wurde im Auftrag König Heinrichs VII. eine Urkunde gesiegelt, die der Stadt „Ramstadt“ gleiche „Freiheiten und Rechte“ zusicherte, wie der „städtischen Gemeinde Frankfurt“: eine Befestigung der Stadt und ein Wochenmarkt am Donnerstag. Käufer wie Verkäufer dieses Marktes genossen „des Reiches besonderen Schutz und den Vorzug der Marktfreiheit“. Über viele Jahrzehnte wurde das Marktrecht genutzt und 1316 erstmals das Centgericht erwähnt.

Erste Spuren einer Besiedlung finden sich in der Gemarkung Ober-Ramstadt aus der Jungsteinzeit. Auch in der nachfolgenden Bronze- und Eisenzeit sowie zur Zeit der Römer und der Franken gab es hier Siedlungen. Im Mittelalter gehörte Ober-Ramstadt zum königlichen Bannforst Dreieich. Nach dem Aussterben der Grafen von Katzenelnbogen fiel Ober-Ramstadt an den Landgrafen von Hessen.

Als ein wichtiger Vorgang für die Geschichte unserer Stadt erwies sich 1621 der Tausch von sieben Höfen des Landgrafen gegen kommunales Waldgebiet. Dadurch wurde die Vergabe der Höfe an Lehnsherren unmöglich. Große Bauten des Kleinadels, wie sie in vielen Gemeinden der Umgebung anzutreffen sind, gab es folglich nicht in Ober-Ramstadt. Als im frühen 19. Jh. der Zehnte durch eine Grundsteuer abgelöst wurde, hatten die Einwohner von Ober-Ramstadt nur diese neue Steuer zu zahlen, während in den Gemeinden mit Kleinadel zusätzlich eine große Zahl von Privilegien abgelöst werden musste.

Der 30-jährige Krieg wütete auch in der Gemarkung Ober-Ramstadt. Durch Krieg, Besatzung und Pest wurde die Bevölkerung stark dezimiert. Das Ende des 30-jährigen Krieges brachte jedoch nicht den ersehnten Frieden. Die Truppen des französischen „Sonnenkönigs“ verwüsteten unsere Gegend. Trotzdem bemühte sich die wieder zunehmende Bevölkerung um den Wiederaufbau.

In Ober-Ramstadt wurde 1688 der landgräfliche Eisenhammer errichtet. Heute ist die in den Jahren 1980-1984 restaurierte Hammermühle mit ihren Nebengebäuden ein Glanzpunkt des Stadtzentrums. Attraktionen sind das große Mühlrad im angrenzenden Hammerbach und die technische Einrichtung im Inneren. Im Scheunensaal der Hammermühle finden unterschiedliche Veranstaltungen statt, von wöchentlichen Übungsstunden der Musik- und Gesangvereine bis zu Künstler-Ausstellungen und Vorträgen.

Der 24. Juni 1699 gilt als Einwanderungsdatum der Waldenser-Glaubensgemeinschaft in die drei landgräflichen Gutshöfe Rohrbach, Wembach und Hahn. Ihr wurde freie Religionsausübung und der Gebrauch der französischen Muttersprache zugesichert. Seit 1974 sind Rohrbach, Wembach und Hahn mit Pragelato verschwistert, dem heute italienischen Tal, aus dem die Waldenser stammen.

1732 errichtete der hiesige Pfarrer Johann Conrad Lichtenberg, in seiner Freizeit leidenschaftlicher Baumeister, das „Alte Rathaus“. Sein hier geborener jüngster Sohn Georg-Christoph (1742 — 1799) studierte nach seinem Schulbesuch in Darmstadt an der Universität Göttingen. Zu Lebzeiten war er als Experimentalphysiker weltberühmt. Nach seinem Tod, besonders nach der Veröffentlichung seiner „Sudelbücher“, wurde das Interesse an dem Literaten und Aphoristiker vorrangig. Das Museum Ober-Ramstadt zeigt eine biografische Dauerausstellung und sammelt in einer Spezialbibliothek das Schrifttum zu Leben und Werk des Wissenschaftlers. Ober-Ramstadt ist auch Sitz der internationalen Lichtenberg-Gesellschaft.

Im 19. Jahrhundert begann der Wandel von der landwirtschaftlich orientierten Gemeinde zum Industriestandort. Schon 1816 standen den 71 Bauern und 23 in Mühlen tätigen Personen 115 Handwerker und 21 Händler gegenüber. 1832 begründete Wilhelm Heim eine Werkstatt als Kammmacher. Daraus ging 1862 die erste hiesige Fabrik hervor, die Schildpatt und Horn zu Haarschmuck verarbeitete. Das Unternehmen entwickelte sich bis 1900 zur „größten Schildpatt verarbeitenden Fabrik Europas“. Bei der ersten Jugendstil-Ausstellung auf der Mathildenhöhe in Darmstadt (1901) wurde der Haarschmuck dieser Firma prämiert. Es folgte eine Einladung zu einer Ausstellung in Petersburg. Im Museum Ober-Ramstadt ist die größte deutsche Ausstellung von Haarschmuck aus Schildpatt und Horn zu bewundern.

Die Firma Heim war die Keimzelle für eine große Zahl weiterer Firmengründungen in Ober-Ramstadt und Umgebung, die sich in unterschiedlichen Bereichen der Kunststoffverarbeitung betätigten. Nach dem Bau der Eisenbahnverbindung zwischen Darmstadt und Erbach erhielt Ober-Ramstadt 1870 einen Bahnanschluss. 1876 wurde ein „Leih- und Sparverein“ gegründet. Diese beiden Einrichtungen beschleunigten die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Kommune.

Die Jahre zwischen 1890 und 1910 waren auch für Ober-Ramstadt die eigentliche „Gründerzeit“. In die kommunale Infrastruktur wurde kräftig investiert: 1901 in eine zentrale Wasserversorgung und 1907 in ein kommunales Elektrizitätswerk. Ein Frankfurter Verleger gründete eine Lokalzeitung. Feinmechanische Werkstätten für hochpräzise Messgeräte entstanden ebenso wie zwei Farbenfabriken, von denen eine, die „Deutschen Amphibolinwerke“, heute zu den weltweit Großen zählt. Die Möbelfabrik Schröbel vertrieb bereits Anfang der dreißiger Jahre europaweit Küchenmöbel im Stil des „Gelsenkirchener Barocks“.
Im ersten Weltkrieg baute Max Walbinger mit einer Munitionsfabrik einen völlig neuen Industriezweig auf. Nach dem Krieg wurden auf dem Gelände Autos gefertigt, zuerst von der Firma Falcon, dann von Hans Gustav Röhr und seinem Team. Röhr entwickelte viele Innovationen für den Automobilbau. Auf internationalen Ausstellungen wurde für seine Fahrzeuge geworben mit dem Slogan: „Das sicherste Auto der Welt“. Die „Hoch-Zeit“ mit H. G. Röhr dauerte jedoch nur wenige Jahre. Nach dem Wechsel des Firmengründers zu Adler in Frankfurt übernahm eine Schweizer Holding den Betrieb. 1935 fand der Automobilbau aus politischen Gründen ein Ende. Fahrzeuge dieser Epoche sind im Museum Ober-Ramstadt ein besonderer Anziehungspunkt.

1929 baute die Gemeinde ihr neues Rathaus.

Der zweite Weltkrieg brachte für Ober-Ramstadt nur relativ geringe Verluste. Die Entwicklung der Stadt verlief sehr positiv. Durch die Ausweitung der bestehenden Industrien und Neugründungen, durch neue Wohngebiete und den Zuzug von Heimatvertriebenen vergrößerte sich Ober-Ramstadt beträchtlich. 1959 wurden uns die Stadtrechte erneut verliehen. In der Begründung stand, dass dabei „die ältere Bedeutung und neueste Entwicklung“ berücksichtigt werden.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wohnten in unserer Stadt 15.500 Personen.